Barockopern haben es hierzulande nicht leicht: Sie sind in den Spielplänen
der großen heimischen Opernhäuser selten zu finden, stehen sie doch beim
Publikum in dem Ruf, inhaltlich verworren und musikalisch langatmig zu sein. Das
Grazer Opernhaus hat es im Dezember dennoch gewagt, eine Barockoper
herauszubringen. Hier ging man das Problem von der Maschekseite an und ist damit
sehr gut gefahren (…) Der erste Kapellmeister des Hauses, Dirk Kaftan, hat aus
dem Grazer Philharmonischen Orchester eine kleine Schar ausgewählt und mir einer
fast kammermusikalischen Besetzung erstaunlich stilsicher, mit Mut zu starken
Akzenten ganze Arbeit geleistet. (…) Die Zauberin, die laut Ariosts Ritterepos
die Männer reihenweise verführt und nach dem Gebrauch in Tiere verwandelt, ist
in Graz eine Primadonna, der alle zu Füßen liegen. Das ist ein brauchbarer
Ansatz, mit dessen Hilfe sich das Spiel – sehr nahe am Publikum unverkrampft
entwickeln kann. Und eine gute Prise Slapstick-Komik schadet auch nicht: Denn im
Handlungsablauf dieser Barockoper ist jede Psycho-Logik außer Kraft gesetzt. Die
im Programmheft formulierte Erkenntnis, dass Händel in seinen Opern primär
seelische Vorgänge schildert, bei denen die Umstände, die sie hervorrufen eher
im Hintergrund bleiben, ist ein guter Einstieg zur glaubwürdigen und
unterhaltsamen Inszenierung der jungen Regisseurin.
(…) Hyon Lee, seit einigen Jahren im Ensemble des Grazer Opernhauses, bietet
hier eine erstaunlich reife Leistung, ist hysterische Primadonna mit technischer
Bravour und in ihren Koloraturen und verletzte Liebende mit dem hohen Pathos
einer Diva, die mit einem warmen, betörenden Timbre die ausschwingenden
Kantilenen gestaltet. Da ist eine Sängerin herangereift, deren Namen man sich
merken muß. Neben ihr, der verzaubernden Operndiva, ist vor allem der junge Ivan
Orescanin als Ruggiero ein vielversprechender Bariton des Opernstudios und auch
das übrige Ensemble hält wacker und spielfreudig mit.
Gegurgeltes im AffektHändels "Alcina" auf der Studiobühne der Grazer Oper(stal) DER STANDARD, 11.12.2007 |
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Am Ende, wenn aller Zauber gebrochen ist und die amourösen Verstrickungen aufgelöst sind, hat sich eine anfänglich idyllisch anmutende Komödie in ihr tragisches Gegenteil verkehrt. Zurück bleibt eine gebrochene "Heldin" - Alcina. Zuvor viel barockes Ränkespiel um Begehrlichkeiten, Liebe und Rache. Alle gurgeln unablässig davon, und Händel hat seinen sechs Protagonisten hierfür mörderisch schwere Da-Capo-Arien geschrieben. Christiane Lutz liefert hier ein beachtliches Regiedebüt. Angesichts der No-Budget-Situation hinsichtlich Ausstattung und Bühnentechnik ist sie angehalten, mit kargen Versatzstücken und vagen Andeutungen zu zaubern. Und ihr Einfall, aus Alcina eine Primadonna zu machen, deren Gesang alle Gestrandeten verzaubert, hat seinen Reiz und geht auch dramaturgisch auf. Dirk Kaftan und die kammerorchestral besetzten Grazer Philharmoniker sind gut aufeinander eingespielt und verleihen der an Affekten überreichen Partitur ihre nötige Frische und sogar etwas von spätbarockem Glanz. Hyon Lee erfüllt die Titelrolle mit souveräner Technik und ergreifendem Ausdruck. Vokale Glanzlichter setzen auch Ivan Orescanin als Ruggiero und Martin Fournier als Oronte...
Natürlich, samt Chor, Ballett und Theaterpomp wäre „Alcina“ hochwillkommen. Doch auch so geht´s: Auf Kammerorchester-Größe geschrumpfte Philharmoniker, ein ohne Gäste auskommendes Ensemble, eine einfache, wirkungsvolle Bühne (Isabel Toccafondi) und eine klare Regie (Christiane Lutz) sind die „Zutaten“, die diese Produktion gelingen lassen. Die Oper um die Zauberin Alcina, die ihre abgelegten Liebhaber in Steine und wilde Tiere verwandelt, ist ein Meisterwerk des 18.Jahrhunderts: Wie auf eine Perlenschnur fädelt Händel die Da-Capo-Arien aneinander, bevor der Musikdramatiker mit den Szenen der Titelfigur und den Ausflügen ins Liedhafte (etwa das „Verdi prati“ des Ruggiero) seine Sprache erweitert und das Drama immer wieder neu koloriert und verdichtet. Die Regie macht aus Alcina eine Diva, einen Theaterstar, um ihre Zauberkraft zu erklären. Ein netter Einfall, nicht mehr. Überzeugungskraft gewinnt die Inszenierung eher durch Personenführung und phantasievolle Bilder sowie die Konzentration auf die Hauptfigur, die Lutz den großen Verliererinnen des Genres (Brünnhilde, Violetta usw.) an die Seite stellt. Hyon Lee bewältigt als Alcina nicht nur die technischen Anforderungen am besten, die reißt den Abend mit enormer vokaler Überzeugungskraft an sich. Gut, lyrisch singt Bariton Ivan Orescanin die ursprüngliche Kastratenpartie Ruggiero. Jutta Panzenböck fehlt Agilität, die entschädigt mit dramatischem n Reserven. Die quirlige Irene Mattausch, der stilsichere Martin Fournier, die souveräne Dorit Machatsch und der schlank singende David McShane gehören mit zum starken Ensemble. Dass die Musik erst eintönig klingt, daran hat die staubtrockene, ja ungeeignete Akustik nicht das Orchester schuld. Dirigent Dirk Kaftan vergattert die Musiker zu variantenreichem, dynamisch strukturiertem Spiel.
Platz für Wunder ist auf der kleinsten BühneHändels „Alcina“ in überzeugender ProduktionHansjörg Spiess, Kleine Zeitung, 10. Dezember 2007 |
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Skepsis war geboten. Eine der kompliziertesten Oper von Georg Friedrich Händel, „Alcina“ (1735), als Studio-Aufführung mit Jung-Sängern auf der Studio-Arenabühne Girardigasse, konnte dies gelingen? Erst 1980 erstmals in der Grazer Oper als Staatsaktion höchst ästhetischer aufklärerischer Werkdeutung von Harry Kupfer und Wolfgang Rot auf der großen Bühne realisiert, zwängte sich nun die zur Operndivengarderobe geschrumpfte Zauberinsel (dahinter das Orchester) zwischen Laufsteg und Publikum. Christiane Lutz zieht ihr Konzept von der Entzauberung einer despotisch erotisierenden Diva durch Presse und Emanzipation unbeirrt und in der Personenführung zwingend durch, auch wenn dabei die humanistische Welttheaterdimension Händels verkleinert wird. Musikalisch geht Dirk Kaftans Wagnis mit kleiner Besetzung, Barockhörnern und dem exzellenten Basso continuo-Trio Catherine McShane (Cembalo), Bernhard Vogl (Cello) und Simon Jäger (Kontrabass) in energischem Drive auf. Hyon Lee liegen die Koloraturen der Alcina gut. Jutta Panzenböck als Bradamante und Irene Mattausch als Morgana müssen noch Geläufigkeit gewinnen. Vielversprechend als Bariton-Ruggiero: Ivan Orescanin. Stilsicher David McShane als Melisso und Martin Fournier als Oronte.
Wiener Charme am märkischen GrienerickseeWie Suppés Schöne Galathee in der Kammeroper Schloss Rheinsberg den Männern den Kopf verdrehtVon Ruth Eberhardt (Märkische Allgemeine) 17.07.2006 |
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Mit diesem amüsanten kleinen Werk -einer seiner besten Bühnenschöpfungen- ging Suppé als Begründer der Wiener Operette in die Musikgeschichte ein. Sie ist, auch in der parodistischen Behandlung antiker Gestalten, bis heute lebendig. Das erwies sich in der sympathisch zeitgemäßen Inszenierung von Christiane Lutz, dem dazu passenden Bühnenbild und den geschmackvollen Kostümen von Ute Noack.
Für die stimmige musikalische Umsetzung sorgte als musikalischer Leiter Pawel Poplawski am Klavier gemeinsam mit den sängerisch wie darstellerisch engagiert agierenden Solisten. Neben der polnischen Sopranistin Agnieszka Adamczak in der Titelpartie agierte der Berliner Tenor David Ameln als Bildhauer Pygmalion, die aus Frankfurt/Oder stammende Altistin Elzbeta Laabs als pfiffiger Diener Pymalion und der aus Erlangen stammende Bariton Christian Ebersberger.
Mit Blick auf den Grienericksee vollzieht sich auf der aus ineinander geschachtelten Vierecken bestehenden Bühne, wo sich hinter weißen Vorhängen Personen und Requisiten verbergen, das heitere Spektakel. (…)
Das 75 Minuten währende kleine musikalische Wunder faszinierte. Es rauschte wie im Fluge vorbei. Das Publikum reagierte mit herzlichem Beifall. Die folgenden Vorstellungen sollte man sich nicht entgehen lassen.
Aus barocker SeeleWien-Premiere. Händels "Ariodante" auf hohem Niveau.Von Daniela Tomasovsky (Die Presse, Wien) 16.04.2005 |
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Am 8. Jänner 1734 wurde erstmals eine Oper von Georg Friedrich Händel am Royal Opera House in Covent Garden gespielt. "Ariodante" hieß sie - und wurde ein voller Publikumserfolg. Bald darauf fiel das Werk in einen 200-jährigen Dornröschenschlaf. Erst ab 1927 erlebte es eine Renaissance, wurde in Stuttgart gespielt, an der Berliner Staatsoper, beim Salzburger Pfingstfestival. In Wien war die opera seria, die auf demselben Stoff beruht wie Shakespeares "Viel Lärm um nichts" (auf "Orlando furioso" von Ariosto), noch nie zu sehen.
Jetzt hat ein Team der Musikuni Wien "Ariodante" auf die Bühne des Reinhardtseminars gebracht - mit einer Professionalität, die man sich bei vielen Festwochen-Opern wünschen würde: Stimmlich auf durchgehend hohem Niveau, in einer Inszenierung (Christiane Lutz), die ohne Mätzchen, dafür mit straffer Personenführung von der ersten bis zur letzten Minute Spannung aufbaut, mit einem originellen Bühnenbild (Alexandre Collon) und wundervollen Kostümen (Hanna Adlaoui-Mayerl). Das Orchester (Handel Consort Vienna) unter der Leitung von Ewald Donhoffer spielt auf historischen Instrumenten, sprühend, musikantisch, nur manchmal etwas zu ungestüm (auf Kosten der Sänger).
Der Inhalt der Oper ist schnell erzählt: Die Königstochter Ginevra wird Ariodante versprochen, der durchtriebene Herzog Polinesso inszeniert vor Ariodantes Augen ein Stelldichein mit Dalinda, die Ginevras Kleider trägt. Es folgt ein großes Durcheinander, der König erfährt von der vermeintlichen Untreue seiner Tochter, will sie bestrafen. Kurz bevor sich Ginevra umbringt, wird der Schwindel aufgeklärt, die Hochzeit findet nun doch statt. Bei all dem steht die seelische Entwicklung der Königstochter im Vordergrund, über deren Kopf, über deren Gefühle ständig hinwegentschieden und hinweggegangen wird - nicht nur vom Vater, auch vom Geliebten.
Die Musik selbst schildert diesen emotionalen Wandel: Im Duett zwischen Ginevra und Ariodante herrscht zu Beginn parallel geführte Terzen- und Sextenseligkeit, zum Schluss kontrastierende Kontrapunktik.
Unter den Sängern ist Eva Maria Riedl (Ariodante) der Star des Abends: Die junge Mezzosopranistin glänzte durch ihr Volumen, ihre Intonationssicherheit, ihr warmes Timbre, ihre Bühnenpräsenz. Sehr souverän auch Sopranistin Berit Barfred-Jensen (Ginevra) und Countertenor Alexander J. Mayr (Polinesso). Nicola Proksch (Dalinda), darstellerisch hervorragend, kämpft manchmal mit Unsauberkeiten, Daniel Johannsen (Lurciano) bisweilen mit seinem Volumen. Valmar Saars (König) Bass ist etwas kehlig.
Die Gesichter Schottlands
Musik-Uni: Händels „Ariodante“, ErstaufführungVon Marie-Luise von Baumbach (Wiener Zeitung) 14.04.2005 |
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Kaum zu glauben, aber es gibt Opern, die sogar in Wien noch nie zur Aufführung gelangten. Mit einer - leicht gekürzten - Version von Händels später oper seria „Ariodante“ (1735) stellten die Absolventen der Universität für Musik und darstellende Kunst ihr Talent unter Beweis.
Wie die zwei kleinen Löwen auf den Amphoren des Bühnenbildes sind diese Jugendlichen: Ginevra, Tochter des Königs von Schottland und Ariodante, ihr Verlobter. Doch am Fuße der Amphore lauert schon die Schlange in Form des intriganten Polinesso. Der will Thron und Königstochter. Am Ende stirbt Polinesso und die beiden jungen Verliebten heiraten. So weit, so gut.
Regisseurin Christiane Lutz meistert die schwierige Aufgabe eine Händel-Oper zu inszenieren mit Bravour. Sie kennt sowohl das Libretto als auch die Musik in und auswendig, inszeniert stets im Sinne der Musik, mit viel Gespür für witzige Details. Lebhaft und farbenfroh ist diese Inszenierung. Barockes Illusionstheater mischt sich mit Pop Art, und Kostüme der Fünfziger mit Herrschaftssymbolen wie Königsmantel oder Uniform (Bühne: Alexandre Collon, Kostüme: Hanna Adlaouih-Mayerl).
Und die Sänger? Eva-Maria Riedl (Ariodante) besitzt eine schöne Mittellage, die besonders in den Rezitativen gut zur Geltung kommt. Schön mischt sich ihre Stimme mit der Berit Barfred-Jensens, die leicht und mühelos ihre Koloraturen meistert, deren Stimme aber erst in der Höhe wirklich voll wird. Die Rolle der Dalinda, Ginevras Freundin, wurde von Nikola Proksch mit klarem Sopran gesungen. Den schmierigen, geschniegelten Polinesso verkörpert Countertenor Alexander Josef Mayr mit großer Darstellungskraft, wechselt aber häufig die Stimmfarbe und muss auf seine Intonation gut aufpassen. The Haendel Consort Vienna unter Ewald Donhoffer spielte auf historischen Instrumenten tänzerisch und gut balanciert.
Ein gelungener Abend.




